Das Gedicht “Mir schlug das Herz geschwind zu Pferde” wurde 1775 von Johann Wolfgang von Goethe verfasst. In dem Gedicht wird eine Begegnung mit einer Geliebten beschrieben. Das Gedicht ist der Stilepoche des Sturm und Drang zuzuordnen.

Das lyrische Ich gibt sich vollkommen seinen Gefühlen hin (zu Beginn Angst, Unsicherheit, ab der dritten Strophe Liebe, Zuneigung und auch Sehnsucht). Diese starke Gefühlsbetonung ist ein eindeutiges Merkmal des Sturm und Drang, denn neben der Logik und dem Verstand (Aufklärung) sollte auch das Gefühl betrachtet werden. Das lyr. Ich lässt sich von seinen Gefühlen lenken. Das bewegte Gedicht ist durchgehend in der einfachen Vergangenheit verfassst. Der Leser fühlt sich dadurch nah am Geschehen.

erste Strophe

Zu Beginn ist das Gedicht euphorisch (Vers 2 “Wie ein Held zur Schlacht”). Das lyrische Ich ist bewegt und energiegeladen auf dem Weg zum Ziel (seine Geliebte) (V. 1-2). Ab dem dritten Vers ändert sich die schnelle Dynamik. Die umgebende Natur wird geschildert (V. 3-13). Der Rhythmus wird langsamer, was gut zu der Abendstimmung passt (Bedingt durch die Worte “wiegte, hing, stund, sah”). Im Verlauf der ersten und zweiten Strophe wird die geschilderte Natur für das lyr. Ich zunehmend unheimlicher (V. 3-8 “Der Abend wiegte schon die Erde” bis zu “Mit hindert schwarzen Augen sah”).

Ich verstehe die für das lyr. Ich unheimliche, schauerliche Natur als Spiegel der inneren Gefühle, die das lyr. Ich erlebt. Es ist die Angst vor dem Unbekannten (V. 5 “Nebelkleid”), die Ungewissheit vor dem neuen, was jetzt folgen wird (V. 7-8 “Wo Finsternis … mit hundert schwarzen Augen sah”). Die Natur als Spiegel der inneren Gefühle des lyr. Ich ist ein zentrales Merkmal von Goethes Sturm und Drang Gedichten.

zweite Strophe

In der zweiten Strophe wird die Natur- und Gefühlsbeschreibung fortgesetzt. Das lyr. Ich bekommt Selbstzweifel (z. B. V. 10 “Schien kläglich”; V. 12 “Umsausten schauerlich mein Ohr”), es wird weiterhin von der Natur in Angst versetzt (V. 13 “Die Nacht schuf tausend Ungeheuer”).

Vers 14 ist ein zentraler Wendepunkt in dem Gedicht. Das lyr. Ich hat Mut gesammelt (V. 14) und besinnt sich auf die Freuden, die es von der Begegnung mit der Geliebten erwartet (V. 15-16). Mit einem Mal wurde der Angstzustand abgewandelt zu einer schmerzhaften Sehnsucht (V. 15-16). In den Versen 15 und 16 spricht das lyr. Ich von “Mein Geist” und “Mein Herz”, es ist nun bei sich und nicht mehr bei der fremden, äußeren Natur.

dritte Strophe

Ab der dritten Strophe findet sich wieder ein Wandel des Hauptmotives. Das lyr. Ich sieht die Geliebte und plötzlich wird die Sehnsucht und Anspannung zu milder Freude (V. 17-18). Das lyr. Ich beschreibt in der dritten Strophe seine Gefühle, welche durch vollkommene Fokussierung auf die Geliebte entstehen (V. 20 “jeder Atemzug für dich”). Die Gefühlshingabe ist auch ein typisches Merkmal der Lyrik Goethes und der Epoche des Sturm und Drang im Allgemeinen. Im Vers 21 findet sich eine Jahreszeitenmetaphorik (“rosafarbenes Frühlingswetter”), welche im Gegensatz zu der Naturbeschreibung in der ersten Hälfte steht. Das lyr. Ich ist von gegensätzlichen Gefühlen eingenommen. So findet sich nun eine milde, zärtliche Freude (V. 22 “liebliches Gesicht”; V. 23 “Zärtlichkeit für mich”). Die Gefühle stehen im Gegensatz zu den starken, angstvollen Gefühlen der ersten Hälfte (V. 12 “schauerlich”; V. 10 “kläglich”, V. 2 “wild”). In den Versen 23-24 werden die Götter gerufen. Das lyr. Ich ist von seinen positiven Gefühlen vollkommen mitgerissen und ruft die Götter um Halt (V. 24 “Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht).

vierte Strophe

In der vierten und letzen Strophe ändert sich abermals das Grundmotiv, denn die Geliebte muss sich verabschieden (V. 29). Die milde Freude wird zu einem trüben Schmerz (V. 25; V. 28). In den Versen 26 bis 27 erinnert sich das lyr. Ich an die Gefühle der Begegnung zurück. Dies löst einen inneren Schmerz aus (V. 28).

Die Geliebte muss gehen und lässt das lyr. Ich allein zurück (V. 29-30). Dies stimmt den Geliebten (lyr. Ich) traurig (V. 29 “sah zur Erden”; V. 30 “mit naßem Blick”). Ab Vers 31 besinnt sich das lyr. Ich zurück auf das Glück der Liebe (V. 31) und ruft im Anschluss daran die Götter, um ihnen für das Glücksgefühl zu danken (V. 32). Das Gedicht schließt mit einer zufriedenen, heiteren Grundstimmung des lyr. Ichs.

Gedichtanalyse

Trotz der bewegten und veränderlichen Themen ist das Gedicht durchgehen als (teilw. unreiner) Kreuzreim geschrieben. Die Reimform trägt zur Verdeutlichung der inneren Gefühle des lyr. Ichs bei. In dem Gedicht wiederholt sich das Bild des Herzens, es wird vor allem bei starken Gefühlen genutzt (z. B. V. 16 “Mein ganzes Herz zerfloss”; V. 26 “Aus deinen Blicken sprach dein Herz”).

Das Gedicht muss Insbesondere vor dem Hintergrund von Goethes Biographie (viele kurzzeitige Affären) betrachtet werden.

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