Die Gedichte „Morgenphantasie“ von Friedrich Schilller und „Auf dem See“ von Johann Wolfgang Goethe sind beide der Stilepoche des Sturm und Drang zuzuordnen. Bei dem Vergleich müssen auch die Lebensumstände der Autoren (Schiller in Abhängigkeit vom Fürsten, Goethe als ein wohlhabender, angesehener Mann) beachtet werden.

Der größte Unterschied ist die Beziehung zwischen lyrischem Ich und Natur. In „Auf dem See“ ist die Natur die treibende Kraft für die Entwicklung und den Fortschritt des lyr. Ichs. Bei Schillers „Morgenphantasie“ sorgt die Natur für Stagnation und kann keine Probleme lösen.

In beiden Gedichten wird die Natur verehrt und bildhaft beschrieben. Die Natur als personifiziertes (lebendiges) Gegenüber anzusehen ist ein typisches Merkmal des Sturm und Drang. Die Lebendigkeit und Dynamik wird in beiden Gedichten durch die Gegenwartsform unterstützt.

Das lyrische Ich in „Auf dem See“ spricht zu Beginn von sich selbst, ab Vers 5 wird jedoch in der Mehrzahl geredet („wieget unsern Kahn“). Beide Gedichte thematisieren Träume. Im Gegensatz zu Goethe nutzt Schiller viele Metaphern bei der Naturbeschreibung.

Während sich „Auf dem See“ an ein klares Reimschema hält (erste Strophe Kreuzreim, zweite Paarreim, dritte wieder Kreuzreim) ist bei „Morgenphantasie“ ein veränderlicher Einsatz von Paar und Kreuzreimen zu finden. Trotzdem haben beide Gedichte einen ähnlichen Aufbau: Auf die Beschreibung und das Loben der Natur folgt eine „Kriese“ des lyr. Ichs, welche bei Goethes Gedicht wieder aufgelöst wird und bei Schillers Werk bis zum Ende bestand hat. Somit kommt „Auf dem See“ zu einer „Lösung“ (Vers 20 „reifende Frucht“) wohingegen bei „Morgenphantasie“ das lyr. Ich in einer toten Welt schlummert.

Im Vergleich finde ich Goethes Gedicht zugänglicher und stilistisch gelungener, was durch die vielen Enjambements und den Rhythmus allgemein bedingt ist.

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