Gebiete, die von der Flucht betroffen waren

Als Ostgebiete des Deutschen Reiches oder auch ehemalige deutsche Ostgebiete werden die Gebiete (Territorien) östlich der Oder-Neiße-Linie bezeichnet, die am 31. Dezember 1937 zum Gebiet des Deutschen Reiches gehört hatten. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs 1945 wurde diese Gebiete wieder von Deutschland getrennt und gehörten fortan Polen und Russland.

Zu den Gebieten gehörte Ostpreußen (Danzig), Oberschlesien, Niederschlesien, Pommern, Ost-Brandenburg und Teile von Sachsen und Gebiete um Görlitz.

Etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche (deutschstämmige Angehörige) waren zwischen 1944/45 und 1950 von der Flucht und der Vertreibung betroffen.

Politisch

Teile von Polen sind an Russland gegangen und dafür bekam Polen dann die Ostländer.

Die Übergabe der Ostgebiete des Deutschen Reiches an Polen sei von Anfang an als ein Ausgleich für den Verlust im Osten gedacht gewesen.

Tatsächlich erhoben seit 1939 polnische Kommunisten Anspruch auf deutsche Gebiete ohne einen nennenswerten Anteil ethnischer Polen (zur Volksgruppe der Polen gehörende Menschen) und forderten die Entfernung der Deutschen aus diesen Gebieten.

Die Forderung einer Oder-Neiße-Linie hatte eine bis 1917 zurückreichende Geschichte und erhielt Nahrung durch das Versprechen Stalins von 1941 gegenüber Władysław Sikorski, dass die künftige Westgrenze Polens die Oder sein werde.

Vertreibung

Die Vertreibung der Deutschen wurde von der polnischen Exilregierung begründet mit der Massenermordung und Deportation von Juden, Polen und Russen im 2. Weltkrieg sowie der durch Militär eroberten Gebiete. Außerdem galten weite Gebiete von Ostmitteleuropa als überbevölkert.

Die Umsiedlungen sollten in einer „humanen Art“ geschehen. Jedoch entsprachen die Transporte keineswegs dieser Bestimmung. Deshalb gab es so etwas wie eine internationale Kontrolle, welche dazu führte, dass die Zwangsaussiedlung ab Anfang 1946 in wesentlich geordneter Form vor sich ging als in den sogenannten wilden Vertreibungen in den Wochen und Monaten vor und noch unmittelbar nach der Konferenz (Potsdamer Konferenz: bestand aus drei Hauptalliierten des 2. Weltkriegs und hat über das weitere Vorgehen beraten).

Dennoch gab es in der Zeit der Gefangenenlager für die deutschen Soldaten und in der Zeit der Vertreibung der Deutschen aus den besetzten Gebieten, viele Übergriffe und Gewalt (Todesfälle) an der Zivilbevölkerung.

Mehrere hunderttausend Menschen wurden in Lagern inhaftiert oder mussten – teilweise jahrelang – Zwangsarbeit leisten.

Man ging unter dem Einfluss der Vertriebenenverbände lange von rund 2,1 Millionen Todesfällen aus (obwohl es verschiedene Schätzungen gibt). 600.000 bestätigte Tote gab es in unmittelbarer Folge der Verbrechen im Zusammenhang mit der Vertreibung.

Gemessen an der Einwohnerzahl, nahm Schleswig –Holstein die meisten Flüchtlinge auf.

Es entstanden reine Flüchtlingssiedlungen.

Polen

Den größten Teil der Neusiedler in den Oder-Neiße-Gebieten bildeten Polen aus den traditionell polnischen Gebieten („Zentralpolen“). Hinzu kamen rund 400.000 Ukrainer und nicht allzu viele Weißrussen. Die Ursache dafür war, dass auch westlich der heutigen polnischen Ostgrenze von jeher eine bedeutende weißrussische und ukrainische Minderheit lebte und lebt.

Sowjetunion

Hier wurden vorwiegend Russen, aber auch Weißrussen und Ukrainer angesiedelt. Hinzu kamen ehemalige Soldaten sowie Strafgefangene und Zwangsarbeiter. Rund 50 Prozent der Orte wurden nicht wieder besiedelt. Der südliche Teil von Ostpreußen wurde unter polnische Verwaltung gestellt.

Tschechoslowakei

Im Sudetengebiet wurden vor allem Tschechen aus dem Landesinneren, Slowaken, Ungarn, griechische Bürgerkriegsflüchtlinge sowie sehr viele Roma aus der Slowakei angesiedelt.  Insbesondere nach der Besiedlung der Grenzgebiete durch Roma entstanden viele soziale Konflikte, welche sich vor allem nach der Samtenen Revolution (bezeichnet den politischen Systemwechsel der Tschechoslowakei vom Realsozialismus zur Demokratie im November und Dezember 1989) verschlechterten.

In vormals konfessionell homogenen (Menschen eines Glaubens) Regionen mit starken eigenen Traditionen – zum Beispiel Oberbayern und die Lüneburger Heide – lebten nun große Bevölkerungsgruppen mit anderem Lebensstil und fremder Konfession (Untergruppe innerhalb einer Religion).

Humanitäre Situation (Lage der Menschen)

Zunächst ging es darum, das Überleben der Vertriebenen angesichts des schweren Mangels an Nahrung, Wohnraum und Kleidung zu sichern. Dies ist weitgehend gelungen, obwohl es in den Jahren bis ca. 1950 eine deutlich erhöhte Sterblichkeit infolge von Unterernährung und Infektionskrankheiten gab. 

Versorgung

Die Rationierungen auf den Lebensmittelkarten reichten nicht. Neue Schrebergärten sollten den Flüchtlingen bei der Selbstversorgung helfen. Der Schwarzmarkt, Erntearbeit und das „Nachstoppeln“ (Erntereste im Feld suchen) abgeernteter Felder boten die Aussicht auf Lebensmittel.

Für warme Kleidung wurde Wolle von den Zäunen gesammelt und versponnen. Aus alten Uniformen, Decken und Bettzeug entstanden neue Anzüge und Kleider.

Arbeitsplätze

Bezahlte Arbeit war knapp und gefragt war oft nicht das, was man in Ostpreußen oder Pommern gelernt hatte. Auch Überqualifizierte mussten umlernen und annehmen, was sich bot.

Während es für Bauern nicht leicht war (wenig Land), hatten es Handwerker leichter. Mit der Reparatur von Konsumgut (Verbrauchsgüter) tat sich in der Notzeit ein weites Betätigungsfeld auf.

Alle Angestellten und Arbeiter litten in den ersten Jahren unter dem Stellenmangel; aber die Flüchtlinge und Vertriebenen waren von Arbeitslosigkeit stärker als die Einheimischen betroffen. Erst mit dem Wirtschaftswunder sank die Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge. 

Ängste

Außer der materiellen Not erschwerten Reibereien und offener Hass das Zusammenleben.

Eingesessene klagten über Hochzeiten zwischen Ihresgleichen und den Aufgenommenen.

Verbände und Parteien

In der bundesdeutschen Politik waren Flüchtlinge und Vertriebene in sämtlichen Parteien vertreten.

In den àBesatzungszonen unternahmen Vertriebene Versuche, eigene Organisationen zum Durchsetzten ihrer Interessen zu gründen.

In der Sowjetische Besatzungszone/DDR wurden diese Organisationen von der Polizei unterdrückt.

Als am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa beendet war, übernahmen die drei Siegermächte Sowjetunion, USA und Großbritannien sowie Frankreich die Hoheitsgewalt über das Deutsche Reich und teilten sein Gebiet untereinander in Besatzungszonen auf oder gliederten es aus. Dazu wurden die östlichen Gebiete des Deutschen Reiches unter polnische Verwaltung gestellt. Es entstanden neue deutsche Staaten und die Zeit, in der die vier Mächte die wieder errichtete Republik Österreich und Deutschland besetzt hielten, nennt man daher auch Besatzungszeit. Sie dauerte in Österreich von 1945 bis 1955. In Deutschland bezeichnet der Begriff meist nur die Zeit von 1945 bis 1949, also bis zur Gründung der Bundesrepublik und der DDR, obwohl die Besatzung auch in Westdeutschland erst 1955 mit dem Deutschlandvertrag beendet wurde.

Als politische Kraft spielt in Deutschland seit den 1990er Jahren fast nur noch die von Bayern und der CSU unterstützte Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) (Vertritt die Vertriebenen aus dem Sudetendeutschen) eine Rolle.

Integration

Die wirtschaftliche und soziale Integration der Vertriebenen in die beiden deutschen Staaten vollzog sich in einem langen Prozess.

Es ist umstritten, welche Faktoren für die Integration ausschlaggebend waren. Bis in die 1980er Jahre wurden vor allem die Bedeutung des Lastenausgleichsgesetzes (Finanzielle Entschädigung) in der Bundesrepublik und der Bodenreform (gleichmäßige Verteilung des Landbesitzes) in der DDR betont.

Neuere Forschungen zeigen hingegen, dass während der 1950er Jahre durch Wirtschaftswunder im Westen und Ausbau der Industrie im Osten einen erheblich größeren Effekt auf die wirtschaftliche Eingliederung der Vertriebenen hatten.

Es kam weder im Westen noch im Osten Deutschlands zu einer reibungslosen, schmerzfreien und harmonischen Integration der Flüchtlinge.

Bei der Ankunft im „Westen“ waren sie teils mit Verachtung konfrontiert.

Erinnerung und Aufarbeitung

Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung schlägt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens nieder – von der Benennung von Straßen nach Orten in den deutschen Ostgebieten, Museen, Denkmälern.

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